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Die Zukunft des Internets, der Welt und des ganzen Rests – Republica letzter Tag

von Alexander Endl / 1 Kommentar
16.04.2011 um 19:59 Uhr

Zielgerade und Endspurt – Tag 3

Die Wucht so einer Veranstaltung ist nicht zu unterschätzen. Es ist nicht nur die Fülle an Informationen der Sessions, was an den Kräften zehrt, es ist auch die Menge an Menschen, der Lärmpegel und die vielen Kontakte, die – so sehr man sie auch genießt – Konzentration und Aufmerksamkeit fordern. Bei vielen war zumindest morgens da der Akku noch nicht wieder voll. Aber damit täte man den Sprechern der Freitags-Sessions unrecht, ihnen deswegen weniger Aufmerksamkeit zu widmen, daher auch vom day 3 ausgewählte Berichte zu nicht immer den populärsten Themen.

Krieg im Netz
Stuxnet, WikiLeaks und Bloggen von der Front – Wie das Netz die Sicherheitspolitik verändert

Ein heikles Thema hatten sich die Speaker Thomas Wiegold und Sascha Stoltenow vorgenommen: Wie beeinflusst das Web und Social Web militärische Aktionen, welchen Einfluss hat es auf die Truppe und in welchem Verhältnis stehen die Risiken der unfreiwilligen Transparenz zum Bedürfnis der Soldaten nach Kommunikation und der Gesellschaft nach Information.

Fakt ist, dass schon jetzt beständig Informationen durchsickern und das für diejenigen, die diese Informationen bewerten können, auch kriegerische Handlungen in Echtzeit transparent macht. Bsp. Smartphone-Bilder, die zwar einen Sonnenuntergang zeigen, aber damit auch via GPS-Daten des Geräts den Standort verraten.

Als kleines Resümee der Diskussion kann vielleicht festgehalten werden, dass man die Information nicht mehr zurückhalten kann, auch wenn man es noch versucht. Die Gesellschaft hat heute einen Anspruch auf Transparenz, auch bei fehlgeschlagenen militärischen Aktionen. Diese veränderten Bedürfnisse und Ansprüche müssen gestaltet und nicht bekämpft werden.

Ein Bsp. sorgte dann noch für Aufmerksamkeit: Ein Video von der Ausbildung am Maschinengewehr in dem zu sehen ist, wie der Ausbilder zum Auszubildenden sagt “Du bist in der Bronx, Schwarze steigen aus dem Van – Schiessen und Ziele zerstören – und nach jedem Stoß will ich ein lautes »Motherfucker« hören”. Treffender Kommentar dazu: Manchmal merkt man nicht, dass der Feind die laufende Kamera ist.

Wie wird man zum Local Hero?
Lokaljournalismus im Internet

Unter der Moderation von Carolin Buchheim (fudder.de) versuchten Philipp Schwörbel (Prenzlauer Berg Nachrichten), Stefan Aigner (Regensburg digital) und Rainer Kurlemann (RP Online) die Gegenwart und die Zukunft der lokalen News zu beleuchten. Es geht um lokale News im originären Sinne, um bisweilen Randthemen, die manchmal auch wirklich nur Stadt- oder Stadtteil-spezifisch und -relevant sind. Solche News gehen bei den großen Gazetten mangels Reichweite unter, da der Aufwand sich dafür einfach nicht lohnt. Da es dafür aber einen Bedarf gibt, ist diese Nische eine Chance gerade auch für kleinere Redaktionen.

Wie Stefan Aigner eben, der aus seiner täglichen Praxis mit Regensburg digital aus dem medial eher provinziellen Regensburg charmant und launig berichtet. Regensburg, eine Stadt, in der die Medienmacht noch klar verteilt ist und der politische diskurs sich nur zwischen hellschwarz und dunkelschwarz aufreibt. An diesem Beispiel wird noch deutlich, wie politisch nicht gewollte Themen einfach medial nicht existent sind kraft Lokalpolitik, oder einfach weil es einen der Hauptwerbekunden des führenden Blattes negativ betrifft. Lokale News wie Regensburg Digital sind da ein Gegenpol.

Aigner legt aber auch den Finger in die Wunde, gerade wenn viele sich über die Käuflichkeit der Medien beschweren, denn auch “der Leser muss sich selbst fragen, dass wenn er nix für das Lesen zahlen geben will, es dann vielleicht andere gibt, die das für das ‘gelesen-werden’ tun.”

Die Zukunft des Internets, der Welt und des ganzen Rests

Felix Schwenzel ist ein richtig alter Internet-Hase und mit wirres.net von der ersten Stunde der deutschen Blogosphäre an mit dabei und entsprechend der Szene wohl bekannt. Schwenzel hat sich die Zukunft vorgenommen, um quasi mit dem ersten Satz schon sein eigenes Scheitern am Thema einzugestehen: Die Zukunft zu beschreiben, das ist ein Versuch, der Scheitern muss. Auch sollte man bei so einem Versuch bedenken, wenn man sich die Versuche der Historie vor Augen führt, wie man sich da unsere heutige Gegenwart vorstellte, dass man sich dabei furchtbar lächerlich machen kann.

Schwenzels These: Um Zukunft zu prognostizieren, muss man sie erschaffen. Man kann sie im Prinzip nur über Trends beschreiben und gewisse Potenziale sehen – wichtiger aber ist: sie ausprobieren und erfahren. Der muntere Vortrag spielte mit Wortspielen und Gedankenwindungen, zeigte auf, wie banal manche große Visionen sind und wie trivial bisweilen die Realität – frei nach dem Motto: “Schönsaufen ist ja auch eine Form der Virtualisierung.”

Es folgte die gute Frage: Gibt es denn heute überhaupt noch zukünftig eine Abgrenzung zwischen virtuellen und realen Leben? Im Prinzip nicht, denn virtual life ist eigentlich schon gar keine Zukunft mehr, sondern eine Möglichkeit, das real life besser zu verstehen oder es zu erweitern. Als Bsp. ein älteres Ehepaar, die gemeinsam Latitude nutzen, damit sie zu Hause immer rechtzeitig die Kartoffeln aufsetzt, sobald er im Auto ein bestimmtes Autobahnkreuz erreicht. Visionen blicken in die Zukunft, greifen ihr aber nicht vor, denn sie beschreiben nur das, was aus dem Heute heraus betrachtet (mit all seinen Optionen) eine Weiterentwicklung sein kann, denn das ganz Neue ist ja eben noch nicht ent- standen/erfunden. Und genau deshalb sind auch viele so genannte visionäre Lösungen des 21. Jahrhunderts auch nur Weiterentwicklungen dessen, was es eigentlich schon gab – wie das Auto aus der Kutsche entstand. Und manches wird sogar nur deshalb entwickelt, weil es eben visionär ist, aber es eigentlich gar keiner braucht: “Videotelefonie ist eine Vision, die eigentlich keinen interessiert, die aber immer da ist.”

Auch gesellschaftlich beschreibt Schwenzel im Wesentlichen das Unveränderliche, so hat sich substanziell der Mensch nicht verändert in seinen Sozialkontakten und früher wie heute haben Menschen empirisch bis zu 15 enge Kontakte, darüber hinaus ist er in der Regel überfordert. Die Zukunft ist daher meist einfach nur eine Steigerung von Geschwindigkeit, Einfachheit und Komplexität. Und Einfachheit lässt mehr Zeit für die Inhalte, denn wenn man sich über die dahinterstehende Technik keine Gedanken mehr machen muss, kann man diese Zeit neu verwenden. So interessiert niemanden mehr, wie eine Schreibmaschine funktioniert und man ihr Band wechselt, allerdings ist man heute nur bedingt weiter, denn nun geht es um Akku-Laufzeiten und Netzzugang – aber morgen vielleicht könnte das alles wirklich vorbei sein, weil alles einfach funktioniert – so die Theorie. Das Schlußfazit: Zukunft ist, was wir aus der Gegenwart machen.

10 Jahre Blogs in Deutschland – Was war, was wird – 10 Jahre der Bloggeschichte in Deutschland Revue passieren lassen.

Unter der Moderation von Don Dahlmann berichten die Blogger-Veteranen Felix Schwen- zel, Jörg Kantel und Anke Gröner über ihre letzten 10 Jahre als Blogger und ihren Blick auf die Blogosphäre. Im Prinzip sehen alle eigentlich keine wesentlichen Veränderungen oder Tendenzen, auch nicht mit Blick auf den vermeintlichen Kommentarrückgangs im Netz. Dies sieht man aber eher als eine Verlagerung/Fragmentierung zum Social Web, wenn überhaupt. Felix Schwenzel fehlen dennoch ein wenig die (substantiierten) Beschimpfungen. Anke Gröner war Kommentaren lange generell skeptisch gegenüber, hat ihre Sympathie dafür im Bereich der Kochblogs neu entdeckt. Und Jörg Kantel verträgt generell Kritik, wenn sie denn mal kommt, lässt sie aber auch nur zu, wenn sie ihn selbst betrifft, nicht Dritte.

Ein kurzweiliger Blick aus den Blickwinkeln der Beteiligten, ein Anspruch auf Objektivität wird dabei gar nicht erhoben. Ohne thematisch sich an einer Linie festzulegen, werden einige wichtige Dinge berührt:

Don Dahlmann: “Es ist leichter sich auf 140 Zeichen ein verändertes Gesicht zu geben als beim Bloggen.”
Felix Schwenzel: “Relevanz ist Firlefanz, das Tolle gestern wie heute ist, dass man tun kann, was man will.”
Don Dahlmann: “Rampensaumentalität gehört immer dazu, aber eben auch Hyperaktivität. Es spielt sich aber auch in Lebenssituationen wieder.”
Felix Schwenzel (und warum nicht auch er ein Buch schreibt): “Ich schreibe ins Internet, um etwas zu verstehen. Was ich verstanden habe, dazu muss ich ja nicht mehr schreiben. – Bloggen ist verdauen”
Felix Schwenzel: “Ich rege mich weniger auf, Aufregung war aber immer eine Motivation zu schreiben.”

Ein interessantes Thema dann noch zum vermeintlichen Blog-Sterben, das alle am Podium nicht bestätigen wollten: Jörg Kantel: “Es gibt viele neue Blogs, wie zu 3D, eben thematische.”

Der Trend scheint aber doch in Richtung “Themen-Blogs” zu gehen und die klassischen persönlichen Tagebuchblogs sind doch eher die Ausnahme unter den populären Blogs. RSS scheint jedenfalls die Bindung von Content und Verfasser zu lockern/trennen. Viele berichten, dass man die Beiträge nur noch als solche rein inhaltlich “konsumiert”, aber man nur noch bei besonders auffälligen Blogs, oder Blogs mit persönlicher Beziehung, eine Bindung zum Verfasser aufbaut. Ohne dass hier tiefer auf diese Thematik eingegangen wurde, könnte das wirklich ein Punkt sein, der einer tieferen Betrachtung einmal lohnen würde.

The Johnny-Show

Wer bis hierher noch am Ball war, ließ sich die Johnny-Haeusler-Show nicht entgehen. Unter dem Motto: “Was hat das Internet je für uns getan?” schaffte es Johnny wieder einmal, das alte re:publica-Feeling zu entfachen. Humorvoll und ironisch wird das Web und seine Entwicklung durchflogen, von der “Facebook-Todesfalle” (aktueller Aufmacher einer Boulevard-Zeitung) bis hin zum Umstand, dass die Beatles einen längeren Wikipedia-Artikel haben als Gott, an italienischen Motten aber bei Wikipedia auch nicht vorbeikommt (was den Informationsumfang angeht. Relevanz?). Mit einem Queen-Karaoke-re:publica’10-Revival geht dann die re:publica’11 dann doch aber dem Ende entgegen und die Veranstalter und Unterstützer bekommen den verdienten Beifall des Publikums.

Eine kritische Aufarbeitung der Konferenz darf trotzdem noch folgen, einem Kritikpunkt wurde aber zum Ausklang schon entschärft: Die chronischen Platzprobleme sollten 2012 Vergangenheit sein, denn man bastelt intensiv an einem neuen Konzept in neuen Räumen – gut denkbar also, dass die Kalkscheune-re:publica-Erfolgsgeschichte 2011 ein Ende hatte. Für viele sicher ein Schritt der Vernunft, aber auch einer mit viel Wehmut. In der langen Party-Nacht hatte dann jeder Zeit, sich von der Kalkscheune persönlich zu verabschieden.




1 Kommentar zu Die Zukunft des Internets, der Welt und des ganzen Rests – Republica letzter Tag


01 / von Cheap Michael Kors
18. September 2014 um 11:22

Michael Kors BAgs
Cheap Michael Kors




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