Wo das Herz ein zweites Zuhause hat
Anfang des Jahres war ich erstmals in der Sahara. Einige Monate und Revolutionen später befand ich mich erneut tief im Südosten Algeriens in der Oase von Djanet und war gespannt, wie es sich anfühlen würde, „danach“ zu sein. Zuvor musste ich aber die obligatorischen 10 Stunden zzgl. Verspätung von „air mazal“, (gesprochen „masäl“, das arabische Wort für „noch nicht“) wie die staatliche Fluggesellschaft liebenswürdigerweise immer wieder gerne genannt wird, im Flughafen von Algier absitzen.
Da saß ich nun mit meinem Strickzeug in der Hand wie eine kleine Oma im NOMADE Café und trank literweise cafè au lait, mal mir mehr oder weniger Milchschaum, je nach Laune des diensthabenden Kaffeezubereiters. Zwischenzeitlich fühlte ich mich wie auf Shanghai Airport, als ich von mindestens 100 Chinesen belagert wurde, die mit undurchschaubarer Miene meine Strickerei bis zum Boarding beobachteten. Eigentlich sollten deren Maschine längst Richtung Ghardaia abgeflogen sein, denn die letzte Maschine des Tages geht normalerweise Richtung Djanet. Aber man weiss ja nie bei „air mazal“; is halt Afrika. Chinesen sind äußerlich jedenfalls sehr geduldig.
Viele Stunden später, um drei Uhr in der Früh traf ich endlich in Djanet ein.
Ein erster Ausflug führte in den Erg Admer (Gebiet südlich von Djanet Richtung Niger) – endlose, gigantische Dünen in subtil schimmerndem Silbercreme, gebleichter Wüsten- himmel, hin und wieder eine Akazie… das Gefühl für Zeit und Raum geht verloren und normale Alltagssorgen werden unwirklich wie die Fata Morgana am Horizont. 4×4 Allrad-Dünenfahrstunden gehörten diesmal mit zum Programm. Irgendwie kann ich das mit der Rally Paris-Dakar jetzt auch nachvollziehen. Es macht wirklich Spaß, wenn man weiss von welcher Ecke man eine Düne anfährt, um auch drüberzukommen… aber das muss ich noch üben! Wie bei meinem ersten Sahara-Aufenthalt im Januar hatte auch diesmal Mohammed Hassani (siehe das Foto oben, auf dem er die aktuelle Ausgabe des Feed-Magazins in Händen hält
), inzwischen einer meiner besten Freunde, die Organisation und Führung meiner Exkursionen in die Wüste übernommen.
Wenn man einige Tage vor dem islamischen Opferfest in einem arabischen Land weilt, ist das Geräusch, das man in jeder Straße hinter den Hausmauern hört „määäh, määähähä“ – für europäische Ohren gewiß sehr gewöhnungsbedürftig. Jeder hat im Innenhof, Garten oder auf dem Balkon ein Schaf oder eine Ziege stehen. Wenn das Tier verstummt, wird der Grill angeworfen und das Festessen kann beginnen. Das nächste Geräusch, das man dann permanent vernimmt ist „krsch, krsch, krsch…“ das raschelnde Geräusch von neuen Bazin: das sind steif gewachst, raschelnde Gewänder aus schwerem Baumwolldamast. Die Leute besuchen sich gegenseitig, essen Unmengen von gegrilltem Fleisch und wandeln „raschelnd“ durch die sandigen Strassen von Djanet.
Das Licht wird sanft Rosa und Lavendelfarben nach Sonnenuntergang, kichernde Mädchen, schön herausgeputzt defilieren in den Straßen, die Jungs gewandet in Himmelblau, Minzgrün und Flieder, farbtechnisch gesehen ist das gerade die aktuelle Mode in Djanet, natürlich immer mit Sonnenbrille!
Mein neuestes Lieblingsgericht heißt neuerdings „Journal“, eine Art hauchdünner Pfann- kuchen aus Brotteig gebacken, gefaltet und mit aromatischer Sauce getränkt dazu gegrill- tes vom Lamm… den Namen hat das Gericht, weil es halt aussieht wie gefaltetes Papier.
Von schmelzenden Wolken und klimpernden Kamelaugen
Nach den Festtagen war wieder Arbeit angesagt, ein Fotoshooting stand auf dem Programm. Meine Siebensachen in einen alten, libyschen Mehlsack gepackt, mich selber halbwegs parat mit gezöpfter Frisure und rotem Lippenstift aufgerüscht und auf ging es in den Steinwald gleich neben Djanet. Mohammed taufte das Fotoshooting kurzerhand in „Photoshop“ um – die Sprachblüten sind immer kurios, wenn man in einem Satz zwischen vier Sprachen hin und her wechselt
Zu dritt, den Mehlsack und zwei Kameras über der Schulter, begaben wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Ort. Zwei Dünen und fünf Felsformationen weiter fanden wir ihn. Dann kam noch der vierte im Bunde: Mokhtar, der Chamelier, mit zweien seiner Dromedare, die er extra hergerichtet hatte; was für ein prachtvoller Anblick. Eines der Dromedare bekam meinen kobaltblauen Schal um den Hals, ich in türkisgrüne Seide gewandet, auch mit Schal, bei etwas über 30°C, und los ging es mit der Knipserei…..was tut Frau nicht alles für ein paar Fotos.
Auf dem Weg zur Feuerstelle für´s Mittagessen hatte ich dann meinen Wüsten- prinzessinnen-Moment: Mit dem Dromedar allein auf und ab über die Dünen getrabt, stolz wie Bolle, wie man in meiner ersten Heimat, dem deutschen Mittelnorden sagt. Der Tag wurde noch großartiger, weil Mohammed, der beste Tagellakocher aller Zeiten, das Mahl zubereitet hatte! Tagella nennt man ein Gericht, bestehend aus Brot, das in heißem Sand gebacken, zerkleinert und mit köstlicher Sauce in einer großen Schüssel für alle serviert wird; und weil ich Farben so liebe, wurde mir dazu Brause in der leuchtenden Farbe „fraise“ (Erdbeere) serviert; das schmeckt aber wohl nur, wenn man in Afrika ist.
Weiter ging´s, tief in die Wüste eintauchend, eine Tagesfahrt bis fast an die Grenze zum Niger; auf einem antiken, aber zuverlässigen LKW aus deutscher Produktion. Irgendwo im Nirgendwo tauchten im Licht des purpurpinkfarbenen Sonnenuntergangs Heer- scharen von Dromedaren auf, zwischen Grasbüscheln weidend. Vier Kamelhüter aus dem Niger, einer aus Djanet, Meine drei Freunde, eine Feuerstelle und ich mittendrin zwischen sehr neugierigen Dromedarbabies und deren Müttern; es werden insgesamt an die 150 gewesen sein. Zum Abendessen gab´s frische Kamelmilch – ich wurde gewarnt, dass sich das erste Mal eine Art von Montezumas Rache einstellen könnte. Kamelmilch schmeckt wie frische Kuhmilch nur salziger, und nach Wüste; sehr lecker!
Morgens wachte ich auf ohne Montezumas Rache zu spüren. Der Griff ging, noch schlaf- trunken, zur Kamera. Im Westen ging der Mond unter und die Sonne schickte silberne Pfeile über den Horizont, der Himmel schillernd in einem Spektrum von Lavendelblau, Purpur bis Azurblau. Ein großer, wunderschöner schwarz-weiss gemusterter Käfer hat sich unter meine Matratze verirrt, offenbar bin ich für die lokale Insektenwelt anziehend geworden. Während des Ausflugs in den Erg Admer hatte sich ein kleiner celadon- grünfarbener Skorpion einen warmen Schlafplatz unter meinem Nachtlager gesucht. Gefrühstückt wurde über Feuer geröstetes Brot, zuckersüße Feigenkonfitüre und stark gesüsster, schwarzer Wüstenkaffee, wie ich ihn liebe aus der Emailletasse. Die anderen zog es hin in die Weiten zur Jagd. Da stand sie nun – Frau Hassan alleine zurück- gelassen in der größten Wüste der Welt, mit vier Kamelhütern, deren Sprache sie bis auf einige Wörter nicht wirklich sprach.
Eines der Kamele hatte es mir besonders angetan: mit seinen wunderschönen Augen und langen Wimpern klimperte es mich an, mein Herz zerfloss wie die schmelzenden Wolken am Himmel und ich war sofort bis über beide Ohren verliebt! Wir ritten davon, das Dromedar mit den weissen Klimperaugen und ich, über Dünen wie von Diamantenstaub überzogen, kobaltblauer Himmel, Fata Morgana sightseeing am Horizont, warmes Morgenlicht. Ein unbeschreibliches Gefühl grenzenloser Freiheit. Das Glück liegt auch auf dem Rücken der Dromedare, zumindest in der Sahara.
Am Abend waren alle Wolken weggeschmolzen und der große, tief orangefarbene Saharamond ging auf, wie gemalt auf indigoblaue Leinwand, mein kleines, zerflossenes Herz ist in den Kamelgrasbüscheln hängengeblieben, irgendwann mal komme ich zurück, zu dem Dromedar mit den weissen Augen.
Wieder zurück in Djanet haben mich einige Tage später am letzten Abend meine besten Freunde mit einem wunderbaren Dinner überrascht. Ein magischer Sonnenuntergang, knisterndes Feuer unterm Sternenhimmel, hausgemachte Musik, Sprachsalat, Sand unter unseren Füßen, warmer Abendwind im Gesicht, bittersüß-schaumiger Grüntee und natürlich mein Lieblingsgericht wieder von Mohammed zubereitet, Tagella. Ach ja, und das Feed-Magazin war mit in meinem Koffer nach Djanet gereist….und dort geblieben!
Nach zwei Wochen im Herzen der Sahara war es an der Zeit, sich wieder an das mitteleuropäische Zeitgefühl zu gewöhnen. Wüstenzeit gibt viel Kraft, man lernt Einfachheit, Gelassenheit und Geduld. Dank meiner wirklich großartigen Freunde nehme ich am normalen Wüstenleben teil, wenn ich dort bin, mit allem, was dazugehört. Mohammed hatte mir während meiner Januarreise eines Tages gesagt „it´s your home, your heart is in the desert“ und wie wunderbar war es, mit den Worten „welcome back home“ wieder begrüßt zu werden! Vielleicht sitze ich irgendwann mal unter einer Palme mit der Nähmaschine und dem Dromedar mit den weissen Augen… am Ort, wo das Herz ein zweites Zuhause hat.
Zur aktuellen Situation nach den Revolutionen in Nordafrika
Ach ja, der Eindruck, wieder dort zu sein; nach all dem, was in Nordafrika in der letzten Zeit passiert ist: Ich war positiv überrrascht, am Flughafen in Algier mehr Zeitschriften und Bücher zu finden als im Januar. Besonders sind mir sehr viele selbstbewusste Frauen aufgefallen. In Djanet hatte ich den Eindruck, dass sich die Bevölkerung verdoppelt hat, nach wie vor sind dort viele Leute und Familien, die aus Libyen geflüchtet sind. Die Lage der Tuareg, die in Libyen leben, ist nach Aussage meiner Freunde nun eher schlechter als besser. Das Gefühl ist teilweise für mich noch nicht so recht in Worte fassbar, es tut sich spürbar was, aber es muss noch sehr, sehr viel getan werden…weil die Lage und die Lebensumstände gerade für die Tuareg in der Sahara sehr schwierig und kompliziert ist bzw. sind.
Generell sind die Lebensbedingungen der meisten Tuareg besonders in Mali und im Niger nach wie vor katastrophal. Im neuen Dokumentarfilm „Woodstock in Timbuktu“ von Désirée von Trotha sprechen die Saharabewohner über Ihre Geschichte und die aktuellen Probleme. Die Weltpremiere des Films findet im Januar 2012 in Timbuktu statt, mehr Infos unter www.woodstockintimbuktu.com
Apropos Musik! Hausgemachte Wüstenmusik gibt es bald in wieder live in Berlin: Die Tuareg Band Tamikrest spielt am 12. Dezember 2011 in der Philharmonie ihr letztes Konzert der Herbst/Winter Tour. Kommt, hört und seht! Ich werde dort auch sein – falls jemand Lust hat, mich auf einen Ratsch zu treffen. Mehr Infos über die aktuellen Tourdaten auf der Internetseite www.tamikrest.net und via facebook/twitter.
Wer Lust auf Wüstenabenteuer bekommen hat: Mohammed Hassani organisiert maß- geschneiderte Wüstentouren um Djanet herum im Südosten in Algerien, Infos dazu auf der Internetseite www.desertconvoy.com
Flüge gibt es ab Frankfurt z.B. mit Lufthansa nach Algier und von dort mit Air Algerie weiter nach Djanet. Ein Visum für Algerien kann man am besten über eine Visumsagentur beantragen, die unkompliziert alle Formalitäten mit der Botschaft erledigt.
Alle Fotos dieses Beitrags stammen entweder von Petra Hassan oder Mohammed Hassani.
Über mich ![]()
Aufgewachsen unter bayrisch blau-weißem Himmel, wohnhaft im Mittelnorden Deutsch- lands lebe ich ein Leben zwischen Sahara, Orient und Occident. Ranipink ist der Name meines kleinen Labels in dem der permanente *Inspirationssalat* aus meinem Kopf in handgefertigte Kleidung und Accessoires umgesetzt wird… als Entspannungsprogramm arbeite ich noch einige Stunden in der Woche bei H&M, wenn ich nicht gerade mal wieder auf dem fliegenden Teppich unterwegs bin… www.ranipink.blogspot.com
4 Kommentare zu Wo das Herz ein zweites Zuhause hat
LiebePetra ,Ihre temoingniage der Wüste und der Touareg ist die einzige Versicherung, die Jamai der Tuareg und der einzige Weg, um die Vermarktung eines südlich der Tourismus kennt.
Irre ich mich, oder hat da jemand mit einer automatischen Übersetzungssoftware aus dem Französischen übersetzt? (@ arali sidi)
vielen lieben Dank @Nanina et tanemert hullan @Sidiali
@Karsten











Liebe Petra, toller Bericht. Genauso habe ich es auch erlebt! Wunderbar. Das erstemal war ich 2009 unter der Leitung von Mohammed Hassani in Djanet. Ein Jahr später nahm ich meine beiden Kinder und meinen Vater mit, was ein unvergesslich schöner Trip war. Sehr sehr zu empfehlen!!!