Übertragungsfehler – Raf Simons Transmission1 im Rahmen der Avant/Garde Diaries
Dass im Berliner Kreativleben keinen Tag Ruhe herrscht, ist kein Geheimnis. Erst vergangene Woche war das Brandenburger Tor wieder fest im Griff der Fashion Week, und nur wenige Tage später stand die Stadt ein paar Minuten weiter gen Osten schon wieder unter dem gleichen Stern. Was man sozusagen wörtlich nehmen darf.
Der namhafte Automobilhersteller, der auch als Schirmherr und Hauptsponsor der Fashion Week fungiert, hatte zum als „Grand Opening“ propagierten Auftakt des dreitägigen Festivals Avant/Garde Diaries ins Berliner Congress Center am Alexanderplatz geladen, dessen Programm nach Jahren der Ödnis derzeit wieder an Fahrt aufnimmt.
Wer auch das wörtlich nehmen mag, wird sich nicht gewundert haben, dass das Zentrum der Ausstellungsfläche im Erdgeschoss von einem Vorzeigemodell des Sponsors dominiert wurde. Geschenkt, dachte man sich, und hoffte auf mehr Spannung im ersten Stock, wo man immerhin von einer Reihe riesiger Fotografien des belgischen Künstlers Peter de Potter empfangen wurde, bislang Daueradlat von Jil Sander-Chefdesigner Raf Simons, der das Programm des Festivals unter dem Namen „Transmission1“ kuratiert hatte.
Zur Eröffnung bot dieses vor allem ein Highlight, namentlich den großartigen Auftritt der britischen Art Rock-Darlings These New Puritans unter der Kuppel, für den sich das üblich verdächtige Hipster-Publikum aber nicht weiter interessierte, was, wie könnte es anders sein, an den zahlreichen Bars und den tollen Häppchen gelegen haben mag, die das vom unangekündigt großen Andrang überraschte Service-Personal tapfer durch die Menge schaukelte. Tiefpunkte hingegen gab es gleich mehrere: Beim Filmprogramm der „Science Fiction Night“ waren keine Entdeckungen zu machen, und Peter Saville, legendärer Artwork-Designers und auf dem Papier sicher der spannendste Name im Line-Up, hatte für seine Installation lediglich seine private Karosse auf dem Gang platzieren lassen – was einem die brav gebriefte Hostess als „zeitlose Avantgarde“ verkaufen musste. Da machte es nur Sinn, dass man sich ausgerechnet von DJ Hell, derzeit vielleicht der kleinste gemeinsame Nenner in Sachen Techno-Wumms und somit eine Art Avantgarde-Antithese, aus dem Center vergraulen lassen durfte.
Übrigens: Wer wegen oder trotz eines solchen Abends Lust auf Beteiligung am Diskurs zur Berliner Kunstpolitik bekommen hat, dem gibt die eintägige Konferenz „Kunst Stadt Berlin 2020“ am kommenden Mittwoch, den 20. Juli Gelegenheit dazu. Die Teilnahme ist kostenlos, Programm und Anmeldemöglichkeit und sicher mehr Erfüllung als bei diesem zum Event aufgepumpten Spaß findet man unter www.berliner-kunsthalle.de






Sehr, sehr treffend. Gerade bezüglich “Avantgarde” (was eh schon ein zumeist und zurecht peinlich behafteter Begriff ist, gerade, wenn man den an sich selbst heftet) war die Veranstaltung eher ein schlechter Witz. Das Konzert an sich war großartig, leider bekam die Band nur ein desinteressiertes Mittevolk vorgesetzt, was wirklich gute Kunst gar nicht mehr zu schätzen weiß. Aber der schlechte Klang im Raum hat auch geholfen, dass die Puritans (als einsames Highlight) ein wenig untergingen.
Alles in allem (und das ist für mich als freischaffender Künstler aus Leidenschaft besonders schmerzlich): Geldverbrennung par excellence.