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Medienerziehung 2.0 – Über die realen und irrealen Gefahren für Kinder im Internet und den gesunden Mittelweg im Umgang damit.

von Alexander Endl / 1 Kommentar
21.07.2010 um 16:53 Uhr

Der Autor Alexander Endl - neben Ronny Schmelzer Initiator der PC-Manufaktur Frankfurt, eines Projekts, das Eltern Hilfestellung in allen Fragen der Online-Medienerziehung anbietet. Foto: Alexander Endl.

(wir schieben Euch hier Alexander Endls Artikel aus unserer Preview-Ausgabe nach):
Blasse Kinder, die nur noch in Kürzeln miteinander kommunizieren, Millionen Pädophiler, die in Kinder-Foren nur auf Opfer lauern, Viren und Bots, die in Sekundenbruchteilen den Computer übernehmen und ihn zu einem Zombie machen, und nur ein falscher Klick und das Konto von Papa ist leergeräumt. – Wer heute Vorträge über Kinder und Internet hört, wie z.T. jüngst auf dem Kongress Zuse 2.0 in Wiesbaden, veranstaltet von der hessischen Landesregierung, der bekommt ein gewisses Schreckensszenario vermittelt, das im Ergebnis vor allem eines bewirkt: Die Gewissheit der Eltern, dass dieses Internet so lange für ihre Kinder zu vermeiden ist, wie nur irgend möglich. Und am besten macht man das, in dem man den Zugang zum Computer strengstens reglementiert oder ganz verwehrt.

Computer und Internet sind heute keine Zukunftsvision mehr, sondern real existierender und integraler Bestandteil unseres Lebens, unserer Gesellschaft, Kultur, Berufs und Alltags. Den Umgang damit zu erlernen, das richtige Maß zu finden und ein Bauchgefühl für „richtig“ und „falsch“, „gefährlich“ und „vertraulich“ zu entwickeln, ist ein Prozess und nicht in einem Crashkurs zu erlernen. Wer dabei die Hoffnung hegt, die Schulen würden das schon richten, unterliegt einem Irrtum. Wie bei vielen anderen pädagogischen Aufgaben müssen die Schulen eigentlich daran scheitern, denn es mangelt oft schlicht an Kapazitäten, an Ausstattung und in den allermeisten Fällen an der Fachkompetenz des Lehrkörpers. Medienerziehung ist mehr als das technisch-funktionale Heranführen an einen Computer oder spezieller Software, sie umfasst alle Belange der Mediennutzung. Dazu zählen originär auch TV, hier im Speziellen aber der Umgang mit Computer/Internet, das Spielen an Konsolen, PC oder Handhelds, und die Nutzung von Handys. Lässt man TV-Konsum einmal außen vor, da diese Art Medium bereits Gegenstand zahlreicher Untersuchungen ist, stößt man für diese Medienerziehung in der Breite auf einen erheblichen Mangel an Know-how der Eltern. Das ist ihnen kaum vorzuwerfen, aber es ist eben keine Sackgasse, an deren Ende entweder ein Verbot oder ein unkontrollierter Zugang stehen muss.

Mit der Initiative „Kindern online Laufen lernen“ hat sich die PC-Manufaktur Frankfurt mit dieser fehlenden Kompetenz auseinandergesetzt und bietet kostenfreie Vorträge und Workshops für Eltern, Erzieher und Betreuer an, wie auch konkrete Dienstleistungen, und hat dieses Konzept auch auf der Web 2.0-Konferenz re:publica im April 2010 einem Fachpublikum vorgestellt. Ziel ist dabei, Eltern ihr eigenes Informationsdefizit aufzuzeigen, sich mit den Risiken sachlich auseinandersetzen zu lassen, aber auch die bestehenden Chancen zu erkennen. Eine pädagogisch geführte Medienerziehung kann Kindern nicht nur wirksamen Schutz bieten, sondern ihnen auch diese Chancen eröffnen. Ohne Frage bestehen bei der Nutzung von Computer und Internet enorme Risiken. Dazu zählen neben den eingangs zitierten Bedrohungen durch Schadsoftware und Missbrauch Dritter vor allem auch eine falsche Nutzung. Kindern neigen bei unkontrolliertem Zugang zu übermäßigen Gebrauch, was neben nicht zu unterschätzenden gesundheitlichen Schäden (Bewegungsmangel, Sehfähigkeit, Epilepsie-Gefahren) vor allem ein hohes Suchtpotenzial aufweist, gerade im Spiele-Sektor. Auf die Auswirkungen des Konsums nicht-altersgerechter Spiele oder Websites sei nur kurz hingewiesen.

In sozialen Netzwerken breitet sich zudem immer stärker eine Art rivalisierender Geltungssucht aus, die sich durch einen wahren Wettbewerb nach Aufmerksamkeit äußert. Wer mehr Online-Freunde, mehr Besucher, mehr Klicks auf sich zieht, rückt in der Gruppenhierarchie nach oben. Und um diese Aufmerksamkeit zu generieren greifen Kinder zu bisweilen extremen Maßnahmen, wie freizügige Fotos, die Offenbarung intimer persönlicher Details bis hin zu extremer Gewalt, die entweder nur in Bild und Ton verbreitet, aber auch selbst ausgeübt und zur Schau gestellt wird. Mittels Cyber-Mobbing wird der andere denunziert und massiv unter Druck gesetzt. Die Gefahren sind hier nicht zu unterschätzen und die Schäden können langwierig und folgenschwer sein. Die Initiative „Kindern online Laufen lernen“ will Eltern den Anstoß geben sich der Bedrohungen, aber auch den Möglichkeiten zu stellen. Sie will klar machen, dass Verbote keine Lösung sind, denn die führen oft in das andere Extrem, heimlichen exzessiven Aktionen der Kinder, die sich vollends der Kontrolle der Eltern entziehen.

Es gibt individuelle Lösungen, wie Zeitkonten, wirksame Filtersysteme, Schutzsoftware oder auch Kontrollmöglichkeiten, die an das pädagogische Ziel, die Kompetenz der Eltern und dem Bedürfnis des Kindes angepasst werden können. Die Aufgabe der Medienerziehung ist heute eine Anforderung an Eltern und Kind. Zunächst sind die Eltern abzuholen und auf einen kompetenten Stand zu bringen, in dem sie ohne Panik die wesentlichen Aspekte bewerten und so ihre pädagogischen Entscheidungen treffen können. Diese Entscheidungen sind dann technisch umzusetzen. So entsteht ein Erziehungsprozess in dem Computer und Unterhaltungselektronik eingebunden sind. Ein sich öffnender Korridor, den man Stück für Stück vergrößert, um am Ende das Kind in eine eigenverantwortlich gestaltete Welt entlässt. Gestaltung, Vermittlung und Kontrolle sind Bausteine, die auf diesem Weg begleiten und ständig neu zu justieren sind.

Medienerziehung ist kein „nice to have“ mehr – Medienerziehung ist heute so wichtig wie Aufklärung oder Verkehrserziehung. Man wird sein Kind auch nicht einsperren und mit 14 auf die Straße lassen, sondern man wird es an die Straße heranführen, es im Verkehr begleiten, die ersten Wege dann einmal allein gehen lassen und dies aus der Distanz beobachten und dann irgendwann erste Schritte unbeaufsichtigt gehen lassen. Nichts anderes ist die Aufgabe der Eltern in punkto Medien. Ausreden dürfen hier nicht gelten, zu präsent und zu folgenschwer sind diese Medien in unserer heutigen Welt. Eltern sind verpflichtet sich dieser Entwicklungen anzunehmen – und wenn es an Kompetenz fehlt, so kann man sich helfen lassen.

Alexander Endl, Autor dieses Beitrags, ist seit 2001
»Projektmanager / Senior Project Manager« in Frankfurt bei xplicit, Büro für visuelle Kommunikation (Frankfurt, Berlin). Er betreibt die Weblogs Endl.de,
Zielpublikum.de sowie Clubfans-United.de (1. FC Nürnberg). Seit 2009 betätigt er sich gemeinsam mit Ronny Schmelzer am Aufbau der »PC-Manufaktur Frankfurt« mit der Initiative “Kindern online Laufen lernen” für verantwortungsvollen und gefahrlosen Umgang von Kindern/Jugendlichen mit PC und Multimedia-Geräten.

Dieser Beitrag ist über diese CC-Lizenz zur Nutzung freugegeben. Quellenangabe: Alexander Endl, Feed-Magazin. Das Bild stellt den Autor dar und gehört ihm.




1 Kommentar zu Medienerziehung 2.0 – Über die realen und irrealen Gefahren für Kinder im Internet und den gesunden Mittelweg im Umgang damit.


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