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Gnaoua City…

von Petra Hassan / 0 Kommentare
12.07.2011 um 12:46 Uhr

…steht da geschrieben auf einem Bootsrumpf am Hafen in Essaouira, einem malerischen weiss-blauen Küstenstädtchen am Atlantik in Marokko gelegen. Eine Stadt in der Fahrräder auch mal Schafspelz tragen, der Wind vermutlich nie aufhört zu wehen, Möwen tanzen, Jeans über der Hafenmauer hängen und in der seit 1998 jedes Jahr Ende Juni ein ganz besonderes Musikfestival stattfindet: das Gnaoua Musikfestival.

Essaouira ist reich an Geschichte, die Phönizier züchteten schon vor langer Zeit Purpurschnecken für die so beliebten Purpurmäntelchen der Könige & Kaiser, die Römer und die Portugiesen fielen ein und auch Piraten wurden seinerzeit gesichtet :)

Die Ursprünge der Gnaoua Musik liegen aber ganz woanders, mit den Sklaven aus Westafrika und dem Sudan kam diese Musik nach Marokko. Texte, die von den unendlichen Leiden der Sklaverei und den Menschenkarawanen durch die Sahara erzählen. Erinnerungen an die Heimat, Traditionen und die Musik war eines der wenigen Dinge die den Menschen damals noch geblieben sind.

Die Instrumente sind eine 3-saitige Zupflaute mit einem Resonanzkörper „Guembri“, die Trommel und blecherne Kastagnetten „Karkabou“ genannt, die so richtig schön „schep- pern“….und natürlich der Gesang.

Ich kann mich gut erinnern, als ich vor Jahren das erste Mal diese Art von Musik gehört habe. Eines Abends spazierte ich in Essaouira durch die Medina (Altstadt), blieb auf einmal wie angewurzelt stehen und lauschte fasziniert Klängen, die ich bis dahin noch nie gehört hatte. Was mir in den Sinn kam war das Wort *magic* und das ich unbedingt diese Musik haben wollte. Hinter dem Tresen des ungefähr 2qm großen Musikladens mit einem reichhaltigen Angebot an tausenden CD´s stand ein 12-jähriger und schaute mich mit riesengroßen Knopfaugen erstaunt an, denn ich versuchte ihm in damals noch sehr gebrochenem Holterdipolter-Arabisch zu erklären, dass ich bitte genau diese Musik haben wollte… :) Letztendlich bin ich mit einer CD glücklich nach Hause geflogen und habe diese ein knappes halbes Jahr non-stop gehört!

Irgendwann ergab sich, dass ich auch mal zur Zeit des Gnaoua Musikfestivals in Essaouira war – da war es um mich geschehen. Neben der Musik haben mich vermutlich am meisten der Kleidungsstil und die Frisuren speziell der marokkanischen Jungs beeindruckt. Nach Jamaica hat vermutlich gleich Marokko die höchste Dichte an Rasta- frisuren; Outfits kombiniert aus lässig-verschlissenen Jeans, meterlangen Schals, traditionellen Gewändern und Oberteilen in den leuchtendsten Farben mit traditionellen, spitzen Leder schuhen „Babouches“ an den Füßen. Die Art von kreativer „coolness“ wie sich viele Leute dort kleiden, ist kaum zu überbieten. Ich bin jedes Mal wieder auf´s Neue fasziniert.

Marokko ist generell eine wahre Fundgrube an Inspiration, reich an Farben, Formen und Strukturen in vielerlei Hinsicht, egal ob die teils atemberaubende Landschaft, die Archi- tektur oder die Melange an Menschen, die sich durch die Jahrhunderte aus ver- schiedenen Kulturen vermischt haben.

Das Musikfestival in diesem Jahr war wieder mehr „back to the roots“ im Gegensatz zu den letzten Festivals: mehr Gnaoua Musik als in den vergangenen Jahren gemixt mit Konzerten von World- Musikern aus Mali wie Salif Keita aber auch aus Haiti, Afghanistan, Iran und Armenien. Es war eine sehr spannende Mischung von traditionellen Klängen mit modernen Elementen, bekannte „Maalems“ (Gnaoua-Meister) musizierten zusammen mit jungen Musikern und Bands aus Marokko sowie Künstlern aus anderen Ländern.

Gnaoua Defilee in der Medina

Auftakt für das Festival ist das Defilee aller auftretenden Gnaoua Gruppen durch die gesamte Medina (Altstadt), ein Augen- und Ohrenschmaus….leuchtende Farben, be- stickte Gewänder, es wird getrommelt und mit den Karkabou (Kastagnetten) geschep- pert was das Zeug hält und DAS hat definitiv Gänsehautfaktor.

Nach dem Eröffnungskonzert am Donnerstagabend auf dem „Place Moulay Hassan“ in Hafennähe hatte man die Möglichkeit an den beiden folgenden Tagen Konzerte gegen Eintritt an verschiedenen Orten in der Medina bis nach Mitternacht zu besuchen bzw. die gratis Konzerte am Strand und am Place Moulay Hassan.

Eines meiner persönlichen Highlights war das Konzert von meiner allerliebsten, marokkanischen Lieblingsband „Darga“ aus Casablanca (siehe das Bild ganz oben). Darga heißt übersetzt Kaktus….die gar nicht so „stacheligen“ Jungs, mit denen ich mittlerweile befreundet bin spielen seit vielen Jahren Fusion aus traditioneller marokkanischer Musik gemixt mit Reggae, Ska und Gnaoua dazu Liedertexte aus dem richtigen Leben. Absolut sehenswert und etwas „rockiger“ zum Beispiel ist der Videoclip „Resisdance“, den man auf Youtube finden kann.

Danach ging es Samstagnacht gleich weiter mit dem fantastisch-mitreißenden Konzert von Salif Keita aus Mali, african vibe pur! Soviel Musik macht hungrig und nach Mitternacht findet sich auch in Essaouira immer noch ein Platz am Hafen wo man frischen ge- pressten Orangensaft trinken und gegrillten Fisch zu sich nehmen kann.

Schlußkonzert Gnaoua All Stars

Da die Konzerte immer erst Abends anfangen hat man tagsüber jede Menge Zeit zum ausschlafen, am Strand zu spazieren und die Welt vom Rücken eines Dromedars zu betrachten, viel Minztee zu trinken, Kostbarkeiten im Souk (Markt) in der Medina zu entdecken, spontanen Mini-Konzerten der Jugend an der Scala (befestigte Hafenmauer mit Promenade) zu lauschen, sich die Hände & Füße von einer der zahlreichen Hennamalerinen verzieren zu lassen, in der Medina auf und ab zu defilieren und unter Umständen mit einem fliegenden Teppich, den man eigentlich nicht kaufen wollte im Gepäck später die Heimreise anzutreten.

Die sonst so ruhige Altstadt von Essaouira vibriert 4 Tage lang so richtig an allen Ecken und Enden. Garküchen werden vor Musikshops aufgebaut mit allem was Mutters Haushalt vermutlich so bietet, Maiskolben werden gegrillt, Sandwichs mit allem Drum und Dran geschichtet, Tajine (eine Art marokkanischer Schmortopf mit Gemüse/Fleisch/Fisch) wird auf einem fahrbaren Untersatz geköchelt, ein Verkäufer der kunstvoll pinkfarbene Zuckerwatte fabriziert  und dazwischen wird schaumig-süßer Minztee auf kleinen Tabletts durch die Menge balanciert.

Fliegende Händlerinnen aus Westafrika flechten kunstvolle Frisuren aller Art in die Haare ihrer spontanen Kunden, bieten Tücher und Gewänder in den leuchtendsten Farben im, wie ich es nenne, „pop-up night souk“ mitten auf der Straße an.

Es gibt nichts, was man nicht gebrauchen könnte, mehr oder weniger echte Sonnen- brillen & T-shirts, raubkopierte Musik, Festivalaccessoires wie gehäkelte Mützen in Jamaicafarben mit geflochtenen Wollzöpfen dran; wenn es kalt wird steht gleich einer parat und bietet passend dicke Berberwolljacken mit Kapuze und Saharaschal an…es ist ein bisserl wie Fasching, Kirmes und Musikfestival alles in einem :)

4 Tage lang ist wirklich alles auf den Beinen, Familien mit Kind & Kegel, geheimnisvoll verhüllte Berberfrauen, Punker aus Casablanca, die halbe marokkanische Jugend aus allen Landesteilen mit mehr oder weniger Geld in der Tasche, dazwischen einige Euro- päer und Touristen, Musiker, Überlebens(künstler), elegant gewandete Marokkanerinnen, die Fischer vom Hafen in Ihren Gummistiefeln, cool bebrillte, beturbante und in wallende Gewänder gekleidete Saharabewohner, einfach jeder ist irgendwie da; manchmal findet man sich auch unerwartet in einer Wolke einer „Kräuterzigarette“ oder Klebstoff wieder…

Dann ist auf einmal alles wieder vorbei, das normale Leben geht wieder weiter, es wird ruhiger in der gnaoua city… Und wenn man des Nächtens manchmal in den Himmel blickt sieht man die Möwen tanzen, Sterne blinken wie kostbare Diamanten – wenn nicht gerade der Seenebel aufzieht – und der Himmel ist nicht Schwarz oder Mitternachtsblau, er ist wie satter, dunkelvioletter Samt – magic!

Mehr Infos über Essaouira finden sich auf www.essaouiranet.com und über das Festival auf www.festival-gnaoua.net.

Fliegen kann man von Deutschland aus supergut mit Ryanair direkt nach Marrakesch und von dort aus für ca. 7 Euro einfach Fahrt in weniger als 3 Stunden an die Küste nach Es- saouira mit dem Busunternehmen Supratours (neben dem Bahnhof „Gare Marrakech“).




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