» Die Cloud – Martin Schmidt über ein Experiment befragt - Feed Magazin

Die Cloud – Martin Schmidt über ein Experiment befragt

von Regine Heidorn / 2 Kommentare
30.08.2010 um 23:27 Uhr

In Berlin steht dieser Tage das eine oder andere Großereignis an. Die Internationale Funkausstellung öffnet am Freitag ihre Tore. Von der Musik- und Kreativwirtschaft wird vor allem die Berlin Music Week mit Spannung erwartet, die kommenden Montag beginnt. Erstmals findet mit der Berlin Music Week eine Rahmenveranstaltung für die drei komplementären Formate der Popkomm, des Berlin Festivals und der all2gethernow statt. Die all2gethernow wurde letztjährig als Konvent für eine moderne, zukunftsgerichtete Musikwirtschaft und Musikkultur spontan aus der Taufe gehoben, nachdem die renommierte Musikmesse Popkomm überraschend abgesagt wurde.

Selbst eine Innovation, bot die a2n bei seiner Premiere im letzten Jahr eine Plattform für eine Reihe sehr bemerkenswerter Experimente; so etwa das Konzept der „Cloud“. Regine Heidorn befragte Martin Schmidt von newthinking communications, der 2009 die Cloud organisierte, worin die Idee bestand, was daraus wurde und welche Perspektiven er für dieses neuartige Konzept eines dezentral sich selbst organisierenden Festivals in der Zukunft sieht.

Newthinkings Event Manager Martin Schmidt

RH: Letztes Jahr sollte in Berlin die PopKomm stattfinden. Daraus wurde bekanntlich nichts, stattdessen gab es eine Alternativ-Veranstaltung, die All2gethernow, a2n abgekürzt. Worin unterscheidet sie sich von der PopKomm?

MS: Die a2n ist als Reaktion auf die Absage der PopKomm entstanden, verfolgte aber einen grundlegend anderen Ansatz: Alle Beteiligten der Musikwirtschaft – also Musiker, Agenturen, Produzenten, Veranstalter, Labels und Hörer – wurden zu einem offenen und partizipativen Austausch eingeladen. Die Idee der Fachmesse, wie sie die PopKomm verfolgt hat, hat die a2n nicht aufgegriffen, sondern auf das offene Konferenzformat Barcamp aufgebaut.

Partizipativer Austausch – das Veranstaltungsformat BarCamp ist da naheliegend. Das war jedoch nicht der einzige Teil der a2n?

Nein, insgesamt gab es drei Bausteine: Neben dem a2n Camp gab es die Conference und die Cloud. Die Grundidee war es, den Bottom-Up Ansatz von Barcamps mit den durchaus nicht von der Hand zu weisenden
Vorteilen einer Top-Down Struktur wie einer Konferenz mit geladenen Experten zusammenzubringen. Daher wurde besonders großer Wert auf die Dokumentation der Präsentationen und Diskussionen des Camps gelegt.
Diese Ergebnisse sind daher nicht nur jetzt online einsehbar, sondern wurden auch im Rahmen der Conference vorgestellt. http://2009.a-2-n.de/dokumentation-2009 Der dritte Baustein war die Cloud. Hier war die Idee, das Barcamp- Prinzip auf den eigentlich wichtigsten Teil der ganzen Veranstaltung, nämlich die Musik auf Konzerten und Partys, zu übertragen. Angeregt wurde diese Idee unter anderem durch das #unkomm-Konzept von Jana Herwig. Die durch die PopKomm enstandene Leerstelle betraf natürlich nicht nur die Messe, sondern auch das ganze Ökosystem an Live-Musik im Umfeld. Es lag also nahe, ein neues Festivalformat zu wagen und sich wie schon beim Camp als Aggregator und nicht als Kurator zu begreifen.

In diesem Veranstaltungsformat spiegeln sich einige neuere Entwicklungen. Wie konnte dieser Ansatz rein praktisch vom Veranstalter organisiert werden?

Konkret haben wir die Dachmarke a2n geöffnet und gemeinsame Kommunikationskanäle geschaffen, um Konzerte, Partys und andere Formate wie etwa Studiobesuche oder Workshops zu einem dezentralen
Festival zusammenzubringen.

Wer ist “wir”?

Binnen kürzester Zeit haben sich eine Reihe von Firmen und  Privatpersonen im all2gethernow! e.V. zusammengefunden, um die a2n auf die Beine zu stellen. Mit dabei war (und ist) newthinking
communications, für die ich seit 2007 in der Eventorganisation arbeite. Nicht zu unterschlagen war der extrem wichtige Input durch ein großes Netzwerk an Interessierten, die sich unter anderem bei den öffentlichen Townhall Meetings getroffen haben. Hier sind in Gesprächen auch viele Ideen zur Cloud entstanden.

In der Organisation der a2n hast Du schnell den Spitznamen “Capt’n  Cloud” bekommen – warum?

Wolken aus Wasserdampf entstehen zwar von alleine, eine Wolke aus Events nicht unbedingt. Im engeren Team der a2n habe ich mich um die Cloud gekümmert und diesen Spitznamen bekommen.

Das Kümmern um die Cloud – wie sah das konkret aus?

Neben dem Aufbau der Kommunikationskanäle wie der Website, Twitter und des Programmheftes war die Hauptaufgabe die Kommunikation der Idee. Zunächst hatten wir vor, einen eigenen Markt für Bands, DJs, Booker und Veranstalter bereitzustellen. Aus Zeitmangel haben wir dies jedoch bald wieder aufgegeben und eher auf Partner wie myspace und regioactive gesetzt, um die Cloud bekannt zu machen. In Berlin haben wir zudem alle Veranstalter und Clubs die wir erreichen konnten eingeladen, ihre Events in die Cloud einzubringen.
Daraus ist auch ein spannendes Programm geworden. Gelernt haben wir trotzdem, dass etablierte Strukturen sich nicht im Handumdrehen verändern lassen. Die Idee eines dezentralen Festivals war für viele zwar interessant, aber doch auch ungewohnt.

Wie funktionierte das dann im Einzelnen – eine Veranstaltung in der Cloud einstellen?

Wir haben ein Eingabe-Formular auf der a2n-Website angeboten, zusätzlich konnte man mir ganz klassisch eine Mail schicken. Ursprünglich wollten wir dabei auch die Möglichkeit bieten, automatisiert externe Inhalte wie etwas rss-Feeds auszulesen. Hier steckte allerdings der Teufel im Detail und wir haben aufgrund des kurzen Zeitplans die Idee verworfen.

Unter dem Strich betrachtet – was kam bei der Cloud am Ende zustande: eher ein kleiner Nieselregen oder ein Gewitter mit Signalwirkung?

Es war schon ein anständiger Schauer. Die Signalwirkung, die die Idee immernoch hat, konnte sich ganz praktisch nicht wie erhofft entfalten. Ich sehe die Cloud als eins der innovativsten Experimente mit neuen Veranstaltungsformaten und gebe der Idee daher gerne noch etwas Inkubationszeit.

Trotzdem wird es dieses Jahr bei der a2n keine Cloud geben …

Die a2n hat sich auf Ihre Kernkompetenzen besonnen und stellt innerhalb der Berlin Music Week das umfangreiche Konferenzprogramm.  Ich halte das an dieser Stelle auch für den richtgen Schritt, denn das Camp 2009 war ein riesiger Erfolg. Dass es keine “offizielle” Cloud gibt, heißt aber natürlich nicht, dass nicht doch sehr viel im Dunstkreis rund um die Berlin Music Week los sein wird. Und ein Dunstkreis ist ja nun auch eine Wolke. Es ist zwar an dieser Stelle Spekulation, aber vielleicht geht der Weg zur Cloud eher über ein schrittweises Einbinden dieses Dunstkreises denn über eine mit viel Anschubenergie versehene Kampagne von aussen.

Ein immanentes Kondensieren also, das sich zu gegebener Zeit manifestieren wird.

Ja und nein. Ich gehe tatsächlich davon aus, dass sich das Mindset  langsam ändert und offene Formate eine größere Resonanz finden werden. Gleichzeitig braucht es immer integrative Anstrengungen, um Gruppen zusammenzubringen.

Martin Schmidt ist 31, Kulturwissenschaftler und promoviert zur Zeit in Potsdam im Bereich Mediengeschichte. Seit 2007 organisiert er für und mit newthinking Veranstaltungen, unter anderem die all2gethernow 2009. Er mag Berge und Musik.

Das Interview ist unter unserer üblichen CC-Lizenz frei nutzbar. Quellenangabe: Regine Heidorn, Feed-Magazin. Das Bild gehört Martin Schmidt.




2 Kommentare zu Die Cloud – Martin Schmidt über ein Experiment befragt


01 / von Events im September 2010 « eVideo 2.0 an der HTW Berlin
1. September 2010 um 15:33

[...] (Konferenz und Barcamp), scheint ein interessanter Trend zu sein, wie es das Interview mit Martin Schmidt zur Berlin Music Week im Feed-Magazin von Regine Heidorn [...]


02 / von Events im September 2010 | CIPPool
1. September 2010 um 20:00

[...] (Konferenz und Barcamp), scheint ein interessanter Trend zu sein, wie es das Interview mit Martin Schmidt zur Berlin Music Week im Feed-Magazin von Regine Heidorn [...]




Hinterlasse einen Kommentar