Die Bar als Wohnzimmer – Kneipenkultur: Was die Deutschen von den Amerikanern lernen können
(Simon Grünkes Sittengemälde – Teil 1): Wenn man wie ich im Münsterland aufgewachsen ist, vereint man im Normalfall drei Dinge auf sich: Man ist katholisch, wählt CDU und weiß ein gepflegtes Bier zu schätzen. Zumindest Letzteres trifft eindeutig auf mich zu. „Ein kühles Blondes schmeckt am besten in einer gemütlichen Kneipe“ – auch das habe ich mit auf den Weg bekommen. Erst später habe ich erstaunt festgestellt, wie unterschiedlich der Wohlfühlfaktor in den Bars dieser Welt sein kann.
Kommt man in Deutschland als Fremder in eine lokale Kneipe, erntet man missgünstige Blicke. Man ist Eindringling, man gehört nicht dazu. Ein „Guten Tag“ erwidert im besten Fall vielleicht noch der Wirt. Man sollte es auch eher nicht wagen, sich an die Theke zu setzen. Besser nimmt man an einem Tisch in einer hinteren Ecke Platz. Von dort aus kann man dann beobachten, wie eine Reihe von Herren gefühlte Stunden regungslos auf ihr Bierglas starren ohne ein Wort zu wechseln. Spricht man jemanden an, scheint das seltsamerweise direkt ein Alarmsignal auszulösen. Ein einfaches „Wie geht’s?“ oder „Wie war Ihr Tag?“ wird einem – sofern es sich um eine Dame handelt – als plumpe Anmache ausgelegt oder ruft offenbar den Gedanken hervor: „Was will der von mir? Mich womöglich beklauen?“ Die übrigen Gespräche finden alle in gedämpftem Ton statt. Man möchte ja nichts von sich preisgeben.
Diese mürrisch-pessimistische Haltung mag im Münsterland extrem sein. Mein Vater pflegt zu sagen, die von ihren schwarzen Äckern geprägten Menschen dort hätten wegen der vielen Regentage und der ständig tiefhängenden Wolken von jeher „düstere Gedanken“. Der inzwischen ehemalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hat bei einer diesjährigen Karnevalsveranstaltung über die Münsterländer gesagt, es sei „erstaunlich, wieviel die saufen können, ohne lustig zu werden.“ Das war natürlich ein Spaß, hat aber durchaus einen wahren Kern. Dessen ungeachtet habe ich ähnliche Erfahrungen in beinahe allen Regionen Deutschlands gemacht.
Ganz anders in den USA. Seit fünf Wochen bin ich beruflich in einem kleinen Ort an der Südwestküste Floridas und kann schon jetzt behaupten, dass ich nirgendwo auf der Welt eine so angenehme und herzliche Barkultur erlebt habe.
Hier interessiert es niemanden, ob man Besucher oder Einheimischer ist. Man trifft sich in einer Bar, um sich zu unterhalten und gemeinsam ein Glas zu trinken. Nicht mehr und nicht weniger. Oder anders formuliert: In den USA sind Kneipen noch das, was sie ursprünglich immer waren – Orte, an denen Menschen sich sozialisieren.
Schon bei meinem ersten Besuch in einer kleinen Bar um die Ecke fragte mich der Barkeeper nach meinem Namen und stellte sich vor. Als ich ein paar Tage später wiederkam, begrüßte er mich persönlich und gab mir die Hand. Ich weiß nicht, wieviele Smalltalks ich dort inzwischen mit anderen Gästen geführt habe. Und wieviele interessante, amüsante oder auch traurige Anekdoten ich dabei gehört habe. Über der Theke hängt ein großes Schild mit dem Satz: „In this bar there are no strangers – only friends who haven’t met.“
In einer anderen Kneipe trank ich kurz nach meiner Ankunft ein kleines Bier, sprach vielleicht fünf Minuten mit der Kellnerin. Als ich ganze zwei Wochen später die Bar erneut betrat, kam sie lächelnd auf mich zu: „Hi Simon, wie läuft Deine Arbeit?“ Ich war beeindruckt – nicht nur, weil ich selbst ein grauenhaftes Namensgedächtnis habe.
Man könnte sagen, es gehört zum Job eines guten Bartenders, sich Namen und Gesichter zu merken. Faszinierend ist es trotzdem. Denn dadurch entsteht ein persönliches Flair, geradezu eine Art Wohnzimmer-Atmosphäre. Die Amerikaner umschreiben diese Barkultur mit dem Slogan „A home away from home“.
Von deutschen Kritikern habe ich gelesen, die Freundlichkeit in den amerikanischen Bars sei „furchtbar oberflächlich“ oder gar „gespielt“. Statt dieser negativen Auslegung könnte man die Gespräche auch einfach nur als wunderbar unverbindlich bezeichnen. Ich nehme diese wohltuende Erfahrung jedenfalls mit. Und werde darüber berichten. Vor allem, wenn ich das nächste Mal im Münsterland bin.
To be continued…
Der Text ist unter dieser Creative Commons-Lizenz zur Nutzung freigegeben. Quellenangabe: Simon Gruenke, Feed-Magazin.
3 Kommentare zu Die Bar als Wohnzimmer – Kneipenkultur: Was die Deutschen von den Amerikanern lernen können
Also, ich bin ein waschechter Münsterländer, trinke gerne und würde mich freuen in einer schönen Bar einfach mal angesprochen zu werden und “dünnes” zu reden, warum auch nicht!? Aber es stimmt, hier in der Gegend ist das nicht so üblich!
Grüße aus Emsdetten,
Fredde
Ach ja: Usse Beer kümp ut Stemmert!
durch zufall auf diesen alten post gestoßen. nach drei wochen in den usa kann ich nur sagen: jede zeile ist wahr! freue mich übrigens auf die nächste feed-ausgabe!



Ein Namensvetter kann nur zustimmen!