Dein Genital gehört der Öffentlichkeit – sagt zumindest Jeff Jarvis
Jeff Jarvis auf der Re:publica 2010. Jarvis ist Professor für Journalismus an der City University von New York, Autor des Buchs „Was würde Google tun?“, Herausgeber des Medien- und Newsblogs Buzzmachine.com und zur Zeit einer der gefragtsten Analytiker des Medienwandels in Zeiten des Web2.0plus.
Jeff Jarvis avancierte nicht von ungefähr zum Star der Re:publica 2010 in Berlin, dem Kirchentag der deutschen Internet-Community; Jarvis versteht es, sich in Szene zu setzen. Er beweißt ein hohes Maß an kommunikativer Kompetenz als er während der Fragerunde im Anschluss seines Vortrags am Vormittag des 14. April im großen Saal des Berliner Friedrichstadtpalasts durch die Zuschauerränge saust, um mit dem Fragesteller Auge in Auge sprechen zu können. Seine Thesen sind provokant, seine Vortragsweise effektvoll, und wer das Wort „Penis“ im Titel seines Vortrags verwendet („The German Paradox: Publicness, Privacy and Penises“), der darf sich nicht wundern, wenn er Aufmerksamkeit erfährt. Und Jarvis scheint sie zu geniessen.
Jarvis propagiert einen radikalen Ausweg aus dem Privatheit-Öffentlichkeit-Dilemma, dem Nullsummenspiel zwischen maximaler Öffentlichkeit bei minimaler Privatheit einerseits oder maximaler Privatheit bei minimaler Öffentlichkeit andererseits, nämlich: die vollständige Preisgabe des Privaten zugunsten einer totalen Öffentlichkeit. Er selbst verfolgte das Prinzip konsequent, als er auf seinem Blog Buzzmachine.com in aller Ausführlichkeit über seine Prostatakrebs-Erkrankung berichtete. Für Jarvis ist die Öffentlichkeit, die zur Zeit aus unterschiedlichen Richtungen bedroht sei, das höhere Gut. Die Freiheit des Internets, das jedem prinzipiell die Möglichkeit eröffnet, mit einfachsten Mitteln ein großes Publikum, theoretisch die Weltöffentlichkeit, zu erreichen, sei eine Errungenschaft, die es gegen alle möglichen Bedenkenträger und Beschränkungsversuche zu verteidigen gelte. Wer die Öffentlichkeit beschneide, „bestiehlt uns alle, denn wir alle sind die Öffentlichkeit“, sagt Jarvis. Und die Angst vor dem Verlust von Privatheit sei vielmehr eine Angst vor Kontrollverlust. Wenn aber alle alles von sich preisgeben, herrsche so etwas wie Waffengleichheit; wenn jeder über die Leichen im Keller des Anderen Bescheid weiß, gibt es keinen Anlass mehr, den Einzelnen deswegen zu diskriminieren. Das Privatheitsproblem löst sich mit der totalen Preisgabe der Privatspähre auf. Sagt Jarvis.
Und was sagen wir? – Ich muss sagen, dass mir die Idee spontan zutiefst zuwider ist. Aber man muss sich die Sache in aller Nüchternheit überlegen. Über derart radikale Ansätze muss man oft erst genauer nachdenken, bevor man sie richtig versteht. Jarvis weist das Pauschalargument, dass mit der konsequenten Umsetzung seiner Agenda Gefahren verbunden sein könnten, zurück; Gefahren „könnten“ mit nahezu allem verbunden sein, was neu ist; wenn man sich deshalb jedesmal davon abhalten lassen würde, neue Wege zu beschreiten, würde garnichts weitergehen. Das ist sicher richtig. Das Problem ist nur: wenn man jetzt die Sache, nicht zu Ende gedacht, einfach mal antestet, und alles raushaut, was man bislang geschickt verborgen hatte – das ellenlange Vorstrafenregister, die exzessive Neigung zu Peitschen- und Fäkalerotik oder die „Take That“-CD-Sammlung im Schrank – und man stellt hinterher fest, dass das mit der Waffengleichheit nicht funktioniert, wie gedacht, – dann gibt es kein zurück mehr: was einmal öffentlich ist, das ist öffentlich und holste nicht mehr in die Privatheit zurück.
Jeff Jarvis lud am Ende seines Vortrags alle Teilnehmer dazu ein, in der Sauna seines Hotels mit ihm weiterzudiskutieren. Fotoapparate und Videokameras waren, scheint´s, nicht zugelassen (sonst hätte man doch sicher schon irgendwo was gefunden). Wenn man von den übrigen Saunagästen absieht, blieb also Jarvis´Geschlechtsteil am Ende doch nicht-öffentlich. Und das ist vielleicht ganz gut so.
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