Betaversionen, selbstgemacht
(Philip Steffans DIY-/Coworking-Artikel aus unserer Preview-Ausgabe):
Wenn man mich darauf anspricht, erzähle ich gerne von meiner derzeitigen Beschäftigung. Dass ich ein Do-it-yourself-Projekt namens „bausteln“ mache und dass ich gemeinsam mit anderen in Berlins größtem Coworking-Space, dem betahaus, eine neuartige Werkstatt namens „Open Design City“ aufbaue. Dann bekomme ich als Antwort immer erst „Wow, interessant.“ und danach „Und was machst du eigentlich? Also, für Geld?“. Na ja, das eben. Das ist mein Job. Und mit dem Geld, das kommt schon irgendwie. Aber vielleicht der Reihe nach.
bausteln ist ein Projekt, dass ich Anfang 2009 zusammen mit Christian Heller gegründet habe. Dabei geht es um das Selbermachen von Dingen, um DIY, „Do it yourself“. Nicht unbedingt um das selbst gebaute Hochbett oder den selbst gestrickten Pullover. Schöne Kulturtechniken, aber irgendwie „einsnullig“, wie es im Web-2.0-Umfeld heißt, also alt. Auch der teuerste Pullover besteht am Ende nur aus Garn und das Bett aus Brettern und Schrauben. Unsere Welt ist derweil elektronischer und vernetzter geworden. Aber was hält z.B. Handys und andere Gadgets im Innersten zusammen? Kann man das als Normalsterblicher überhaupt noch nachvollziehen? Das Gehäuse zu öffnen und nachzusehen, wie es funktioniert, ist klassisches Hacker-Terrain. Spannend, aber dem möglicherweise interessierten Laien kaum vermittelbar. Wenn man die Angelegenheit von der anderen Seite angeht, wird es einfacher: Nicht bestehende Geräte sezieren, sondern selbst welche entwerfen und aufbauen.
Um nicht ganz bei Null anzufangen, benutzen wir dazu fast immer ein kleines Elektronik-Modul namens Arduino. Die rund 25 Euro teure handtellergroße Platine ist ein kleiner Minicomputer, der vor einigen Jahren von italienischen Kunststudenten entworfen wurde, die es leid waren, für ein bisschen Interaktivität in ihren Werken gleich die Hilfe von Informatikern in Anspruch nehmen zu müssen. Dank des konsequenten Open-Source-Prinzips hat es der Arduino schnell zur beliebtesten Microcontroller-Umgebung geschafft: Die Platine selbst ist „Open Hardware“, kann also nicht nur fertig gekauft, sondern auch legal nachgebaut und verändert werden. Die dazugehörige Programmierumgebung läuft unter allen Betriebssystemen, ist kostenlos erhältlich und ebenfalls Open Source. Im Internet gibt es hunderte von Beispielprogrammen, Ideen und Schaltungen von anderen Nutzern.
Prototypen sind so schnell aufgebaut: Sensoren, Schalter, Leuchtdioden und Motoren werden über Drähte mit dem Arduino-Modul verbunden, das über USB am Computer steckt. Ein Klick auf den „Upload“-Button kopiert das selbst geschriebene oder aus dem Internet geladene Programm in Sekunden in das Modul. Läuft etwas nicht wie gewünscht, ändert man das Programm und kopiert erneut. Auch ohne Verbindung zum PC läuft der Arduino weiter und erledigt autark seine Aufgabe. Die USB-Verbindung kann aber auch benutzt werden, um z.B. mit Sensoren grafische oder anderen Ausgaben am Computer auszulösen.
Solche Anwendungen gefallen mir persönlich auch am besten: Digitale Daten und physische Ereignisse beeinflussen sich gegenseitig und verbinden die zwei Welten miteinander. Das führt zu interessanten Konzepten wie „wearables“, also intelligenter Elektronik, die in Kleidungsstücke verbaut wird oder dem Makerbot, einem 3D-Drucker, der aus digitalen Modellen echte anfassbare Kunststoffobjekte erzeugt. (Natürlich ist auch der Makerbot Open Source und basiert auf dem Arduino.) Mit „bausteln“ wollen wir diese Möglichkeiten vermitteln und die damit einhergehende Kreativität auslösen. Dazu gibt es ein Online-Magazin mit angeschlossenem Webshop und natürlich Workshops vor Ort: Auch die besten Anleitungen, die man zuhause alleine befolgen kann, machen nicht so viel Spaß wie das gemeinsame Ausprobieren und Lernen.
Für diese Ereignisse braucht man geeignete Orte. Zum Glück kann man sich bei vielen Konzepten bedienen: Da gibt es Coworking, also die gemeinsame flexible Schreibtischarbeit, die in immer mehr Städten angeboten wird. Ein„Hackerspace“ versteht sich als Werkstatt und Kreativlabor für Geeks, die hier an den Dingen von morgen tüfteln. Modernste Produktionsmethoden wie Lasercutter und 3D-Drucker findet man in „Fab Labs“, wo man den Schritt von der Idee zum anfassbaren Produkt in wenigen Stunden schaffen kann. Mit diesen Ideen im Hinterkopf ist auch die „Open Design City“ im betahaus Berlin entstanden: Vorhanden sind Geräte, Werkzeuge, Materialien und Menschen mit Know-how, die die Resultate ihrer Kreativität nicht nur auf dem Bildschirm sehen möchten. Das „Open“ im Namen ist dabei der Kern des Ganzen: Gemeinsam macht es nicht nur mehr Spaß, sondern es entstehen auch bessere Ergebnisse. Die Grenzen zwischen Spielerei und Broterwerb sind dabei unscharf und damit ganz im Sinne der „Neuen Arbeit“. In der „Open Design City“ stand als erstes Projekt an, selbst den Raum zu gestalten, konkret also sinnvoll nutzbare Möbel selbst zu bauen und auf ihre Tauglichkeit zu prüfen.
Das Prinzip der „Beta-Version“ und der immer fortlaufenden Verbesserung hat also den Sprung von der Software auf Geräte, Räume und Konzepte geschafft – und auf Geschäftsmodelle: Wie die „Open Design City“ sich selbst und ihr Kernteam tragen soll, ist nämlich auch in ständiger Erprobung. Ich kann also sagen: „Mein Job? Den baue ich mir gerade selbst.“
Artikel und Bild sind unter dieser CC-Lizenz frei nutzbar: http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/. Quellenangabe Text: Philip Steffan, Feed-Magazin. Quellenangabe Bild: Philip Steffan. Der Autor lebt in Berlin und ist Mitbegründer von bausteln.de, einer Initiative zur Demokratisierung des Produktionswissens. bausteln.de beinhaltet einen Blog, sowie einen Shop, über den man diverse Bauteile und -anleitungen ordern kann, und veranstaltet wöchentlich die Baustelmontage im Betahaus, bei denen sich Interessierte gegenseitig Anregungen zur Anwendbarkeit des Arduino-Moduls geben.
2 Kommentare zu Betaversionen, selbstgemacht
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Jetzt online: Mein Artikel aus dem @feedmagazin über DIY, Arduino und Beta-Versionen:…